Etienne Chambaud, Inexistence Esther Schipper, Berlin Etienne Chambaud, Inexistence Esther Schipper, Berlin
Juli 14—August 28, 2021

Etienne Chambaud, Inexistence Esther Schipper, Berlin

Esther Schipper freut sich, einen Online Viewing Room zu präsentieren, der der Ausstellung Inexistence von Etienne Chambaud gewidmet ist, der ersten des Künstlers in der Galerie. Zu den ausgestellten Werken gehören eine olfaktorische und eine akustische Installation, eine skulpturale Arbeit, die einen bestimmten Temperaturverlauf erzeugt, drei Lichtinstallationen, Glasarbeiten, Bronzeskulpturen und modifizierte Tafelbilder.

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Multiplex, 2021


 

 

Multiplex ist eine olfaktorische Installation. Aus einem sauber geschnittenen, kreisrunden Loch in einer Zwischenwand strömen zwei Düfte aus. Die beiden Gerüche teilen sich eine chemische Verbindung und sind doch grundlegend verschieden. Während der eine von der Markierungsflüssigkeit des Tigers stammt, erinnert der andere an den Geruch von Popcorn.

 

Die gemeinsame Komponente ist 2-Acetyl-1-pyrrolin (2AP), eine Aroma- und Geschmacksstoffverbindung, die z. B. frisch gebackenem Brot, Jasmin- und Basmatireis ihren charakteristischen Duft verleiht. Gleichzeitig findet man es in frischer Markierungsflüssigkeit und Urin von Tigern (indisch, Amur oder sibirisch) und indischen Leoparden. 

Die beiden Gerüche werden unterschiedlich verbreitet und somit auch unterschiedlich wahrgenommen: Während der mit Popcorn assoziierte Duft weiter und kontinuierlich verbreitet wird, hat der mit Tiermarkierungen assoziierte Duft eine engere Ausdehnung, um die Passage eines Tigers nachzuvollziehen. 

Ausstellungsansicht: Etienne Chambaud, Inexistence, Esther Schipper, Berlin 2021. Foto © Andrea Rossetti
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Fever (Harlequin Malaria), 2019


 

Fever ist eine Serie von Arbeiten, die Temperaturen erzeugen, messen und anzeigen, welche mit bestimmten Fieberzuständen verbunden sind, Körpertemperaturen, die für ein bestimmtes Krankheitheitsbild charakteristisch sind. Die Temperaturschwankungen, modelliert aus den Fiebermustern tatsächlicher Krankheiten, werden auf die Architektur des Ausstellungsraums übertragen, dort gemessen und auf einem Bildschirm angezeigt. Bestimmte Oberflächen, zum Beispiel Säulen, werden erwärmt, während sichtbare Sensoren die Temperatur für die Betrachter anzeigen. Das System regelt seine Temperatur selbst, wenn sich die klimatischen Bedingungen des Raumes ändern.

 

Der eingeklammerte Teil des Titels benennt sowohl eine bestimmte Erkrankung, die dieses Temperaturprofil verursachen kann, als auch die Farbe, in der die Grafik auf dem Display dargestellt wird.

Ausstellungsansicht: Etienne Chambaud, Inexistence, Esther Schipper, Berlin 2021. Foto © Andrea Rossetti

Necknot, 2020


 

Eine Bronzeskulptur aus der Serie Necknot ist auf dem Boden platziert. Sowohl organisch als auch mathematisch besteht sie aus einer Assemblage von abgetrennten Vogelhälsen - darunter Enten und Gänse -, die zu einem durchgehenden Knoten zusammengefügt sind.

 

Schön und zugleich leise in ihrer Wirkung, halten sich die Hälse des Necknot aneinander in unendlichen Schleifen. Ihre sanft schimmernden Formen oszillieren zwischen Abstraktion und Repräsentation, ihre wellenförmigen Linien beschwören vergangene Eindrücke der anmutigen langen Hälse von Wildvögeln herauf. 

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The neck is the body part that allows the distinction and separation between the torso and the head. But if the neck is a separator, it is also a connector: the place through which air and food pass, where screams, voices and songs are produced, through which interiority expresses itself. This paradoxical form exists almost only because of what it both separates and connects, because of what it holds at its two extremities. By the simple fact that it can be more easily severed than other parts of the body, the neck has enabled the invention and development of dualism—the distinction between body and mind, between physical and mental states—and has thus had a lasting influence on the fate of human thought. 

— Etienne Chambaud, 2021

Ausstellungsansicht: Etienne Chambaud, Inexistence, Esther Schipper, Berlin 2021. Foto © Andrea Rossetti

Der Titel der Serie, Syrinx, bezieht sich auf den spezialisierten "zweiten" Stimmkasten der Vögel. Dieses Organ wurde in Anlehnung an einen griechischen Mythos benannt: In dieser Geschichte, die in Ovids Metamorphosen erzählt wird, wird die Nymphe Syrinx auf der Flucht vor Pans Avancen in Schilfrohr verwandelt. Pan schneidet das Gras ab und fertigt aus diesem Schilfrohr nun seine Flöten.

 

Ähnlich wie im Mythos von Daphne und Pan stellt die Verwendung des Materials durch den Gott einen Akt der Aneignung und der Übergriffigkeit dar. Der Zusatz der eingeklammerten Formulierung benennt den lateinischen Namen der Gattung des Vogels mit der Vorsilbe "ex", hier in der lateinischen Bedeutung des Wortes ex, nämlich "aus".

 

Folgende Arbeiten aus der Syrinx-Serie wurden in der Ausstellung präsentiert:

Syrinx (Ex Corvus), 2021 (zwei Variationen) – basiert auf den Vokalisationen der Gattung Corvus, zu der Krähen und Raben gehören

Syrinx (Ex Anas), 2021 – basiert auf den Vokalisationen der Gattung Anas, zu der Schwimmenten gehören

Syrinx (Ex Mimus), 2021 – basiert auf den Vokalisationen der Gattung Mimus, zu der Spottdrosseln gehören

Syrinx (Ex Erithacus), 2021 – basiert auf den Vokalisationen der Gattung Erithacus, zu der das Rotkehlchen gehört

Syrinx (Ex Luscinia), 2021 – basiert auf den Vokalisationen der Gattung Luscinia, zu der die Nachtigall gehört

 

 

 

 

 

 

Ausstellungsansicht: Etienne Chambaud, Inexistence, Esther Schipper, Berlin 2021. Foto © Andrea Rossetti

Model for Afar (Solis Lacus, 7 November 1492), 2021


 

Die einzige Lichtquelle im Ausstellungsraum stellen die drei Arbeiten aus Chambauds Serie Models for Afar darZwischen einer Videoleinwand, einem Leuchtkasten und einer von der Decke hängenden Lampe strahlt jede Arbeit aus der Serie sanft modulierte Lichtformationen aus, da sie so programmiert ist, dass sie die atmosphärischen und meteorologischen Lichtverhältnisse des Himmels zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort simuliert.

 

In ein rotes Licht getaucht, erleben die Betrachter in Model for Afar (Solis Lacus, 7 November 1492) einen solaren Marstag des späten 15. Jahrhunderts.

Der spezifizierte Ort ist der sogenannte Solus Lacus auf dem Mars, während sich das Datum auf den frühesten bezeugten Meteoriten im Westen bezieht, der heute noch existiert. Es war ein "mediales" Ereignis, das in Flugblättern verbreitet wurde und seinerzeit als günstiges Zeichen für eine bevorstehende Schlacht König Maximilians mit den Franzosen im Jahr 1492 gedeutet wurde. Das Meteoritenereignis hatte also historische Folgen, auch wenn es heute wenig bekannt ist.

 

Die Vertrautheit mit dem Datum aus anderen Ereignissen ist gewollt: die Landung von Kolumbus in der Karibik, der Fall von Granada, das Edikt zur Vertreibung der Juden aus Spanien, sind weitere Assoziationen, die in den Sinn kommen.

Model for Afar (Regensburg, 5 November 333 BCE), 2021


 

Das Werk verbindet das Datum der Schlacht Alexanders des Großen bei Issus, die in einem Werk von Albrecht Altdorfer (heute in der Alten Pinakothek in München) dargestellt ist, mit dem Standort des deutschen Künstlers, als er die Darstellung 1529 malte. 

Model for Afar (Terror Bay, 14 July 1789), 2021


 

Der angegebene Ort ist die Terror Bay in der kanadischen Arktis. Das Datum fällt mit dem Sturm auf die Bastille zusammen, der als ein entscheidender Moment der Französischen Revolution gilt. Bis heute ist der 14. Juli in Frankreich ein Nationalfeiertag. Die Bucht in der Arktis wurde 1910 Terror Bay genannt. Zufälligerweise wurde hier 2016 ein Schiffswrack der HMS Terror gefunden, die 1848 verschollen war. Die Bucht war eine von mehreren Stationen entlang der Gewässer, die von Franklins verschollener Expedition zwischen 1845 und 1848 erforscht wurden.

 

Die mehr als 400 Jahre andauernde Suche nach einer Nordwestpassage, die den Atlantik und den Pazifik verbindet, war eine fast mythische Suche mit weitreichenden Folgen für die Geschichte der Kolonialisierung, des Handels und, heute, des Klimawandels.

 

Ausstellungsansicht: Etienne Chambaud, Inexistence, Esther Schipper, Berlin 2021. Foto © Andrea Rossetti
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Globes, 2021


 

In einer Glasskulptur aus der Serie Globes, die die Überreste von Objekten und Materialien enthält und konserviert, die im Zuge ihres Einschlusses in das flüssige Glas zerstört und transformiert wurden, bricht sich das Licht von Model for Afar (Regensburg, 3 November 333 BCE).

 

Die Herstellung von Glas ist eine uralte Praxis und gilt seit jeher als besonders eindringliche Verwandlung von Stoffen wie Sand in ein Material, das durch seine Dauerhaftigkeit und Zerbrechlichkeit, seine vermeintliche Fluidität und tatsächliche Festigkeit besticht.

Detail: Etienne Chambaud, Globe, 2021, Glas, Heftklammern, Schlangenhaut, Bronzepulver, Kaffee, Koprolith, Elektrokabel, Pferdehaar, Sanddollar und Kreditkarte, 21 x 20 x 18 cm (8 1/4 x 7 7/8 x 7 1/8 in)
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Ausstellungsansicht: Etienne Chambaud, Inexistence, Esther Schipper, Berlin 2021. Foto © Andrea Rossetti
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Uncreatures, 2021


 

Stumme Blicke scheinen aus Chambauds Serie Uncreatures hervor zu dringen. Die historischen Ikonen, Tafelbilder religiöser Figuren, die vor einem goldenen Hintergrund - dem Symbol des göttlichen Lichts - dargestellt sind, wurden modifiziert und die Figuren, bis auf ihre Augen, vollständig mit Blattgold überzogen. Die chromatische Differenz zwischen neu aufgetragener und ursprünglicher Vergoldung macht, vielleicht paradoxerweise, die Umrisse der verborgenen Figur sichtbar.

 

Ihr Blick wirkt als räumliche Fixierung, die von der Bildfläche in eine bestimmte Richtung weist, aber auch als zeitliche, als ob die Betrachterin oder der Betrachter nicht nur auf eine Darstellung, sondern auf deren spektrale Präsenz treffen würde.

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Ausstellungsansicht: Etienne Chambaud, Inexistence, Esther Schipper, Berlin 2021. Foto © Andrea Rossetti
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Ausstellungsansicht: Etienne Chambaud, Inexistence, Esther Schipper, Berlin 2021. Foto © Andrea Rossetti

Etienne Chambaud (geb.1980 in Mulhouse, Frankreich) studierte an Ecole cantonale d’art de Lausanne (ECAL), Villa Arson, Nizza, und Ecole nationale des Beaux-Arts (ENBA), Lyon. Der Künstler lebt und arbeitet in Paris.

 

Etienne Chambaud arbeitet in einem breiten Spektrum von Medien und erforscht die Kategorien, die wir Erfahrungen, Objekten und Disziplinen auferlegen. Einzelne Werke, Installationen und Ausstellungen destabilisieren die Vorstellungen davon, was Kunst ist und sein kann, wie ein Künstler ein Werk konzipiert und produziert und welche Form, Funktion und Geschichte die Ausstellung hat. Chambaud’s Werke sind sch n und komplex und k nnen die Art und Weise, wie wir sehen und wissen, ver ndern.

 

Zu Chambauds Einzelausstellungen geh ren: Negative Knots, Kunsthalle Mulhouse (2018); Undercuts, Forde, Geneva (2012); Contre-Histoire de la Séparation, CIAP, Vassivière (2010); The Sirens’ Stage, David Roberts Art Foundation, London (2010); Le Stade des Sirènes, Kadist Art Foundation, Paris (2010); Lo stato delle sirene, Nomas Foundation, Rom (2010), and Color Suite, Palais de Tokyo, Paris (2009).

 

Die Arbeiten von Etienne Chambaud sind in den folgenden Sammlungen vertreten: Musée national d’art moderne – Centre Pompidou, Paris; Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris; Fonds National d’Art Contemporain (FNAC), Paris; Fonds Municipal d’Art Contemporain (FMAC), Paris; FRAC Ile-de-France, Paris; FRAC Languedoc Roussillon, Toulouse; FRAC Auvergne, Clermont-Ferrand; FRAC Piemonte, Turin; MACBA, Barcelona; Ishikawa Foundation, Okayama; Fondation Lafayette, Paris; Fondation LVMH, Paris; Kadist Art Fundation, Paris/San Francisco; Nomas Foundation, Rom; David Robert Art Foundation (DRAF), London.