Introduction
Die Kestner Gesellschaft freut sich, die erste umfassende, institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin mit neuen Werkserien in Deutschland zu präsentieren. Zu sehen sind Zeichnungen, Malerei und Skulpturen, darunter die großformatigen Kalkputz-Fresken „Monday" (2016) und die 3D-Filminstallation „Saturday" (2017). Camille Henrot wurde auf der Biennale Venedig 2013 für ihr bahnbrechendes Werk „Grosse Fatigue" mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet und erhielt 2017 die Carte Blanche im Palais de Tokyo in Paris, wo sie die monumentalen Ausstellung „Days are Dogs" präsentierte.
Mother Tongue
Der Titel „Mother Tongue" (dt: Muttersprache) lässt sich auf verschiedene Arten lesen: Er nimmt Bezug auf Sprache als Mittel der Weltaneignung, nimmt man das Wort „Tongue" wörtlich, referiert es auf die Zunge als Organ des Ausdrucks und des Konsums. Die fortlaufende Serie von Zeichnungen, Gemälden und Bronzeskulpturen „Systems of Attachment" befasst sich beispielsweise mit dem Spannungsverhältnis zwischen den Bedürfnissen nach Bindung und Trennung in der menschlichen Entwicklung, die im Säuglingsalter beginnen und sich das ganze Leben lang fortsetzen.
Ist heute morgen?
Die Werke der Ausstellung stellen sich nicht nur unserer unmittelbaren Gegenwart, sondern implizieren auch ein metaphysisches Potential. Die neue Serie „Is Today Tomorrow?" entstand während des ersten coronabedingten Lockdowns, als sich Henrot, wie viele andere, in Selbstisolation übte. So entstanden täglich Werke mit Tagebuch-Charakter, die die spezifischen Momente widerspiegeln, in denen sie entstanden sind. Das Leben in einer Blase im fetalen Zustand wird ebenso reflektiert wie das Konzept von Zeit, das sich unter anderem durch die Titel der Werke ausdrückt, die alle das Wort „day" enthalten, wie „Blue Monday", „Wait Another Day" und „Ruin my Day".
Von intimen Auseinandersetzungen zu globalen Fragestellungen
Dass emotionale Arbeit immer auch mit Transformations- und Übergangsprozessen einhergeht, zeigt die eigens für die Ausstellung realisierte, überlebensgroße Bronzeskulptur „3,2,1". Darin verliert ein hybrides Mensch-Vogelwesen eine Träne über die Menge an Abfall zu seinen Füßen, die während der Produktion entstanden ist. Individuelle, intime Auseinandersetzungen führen dabei immer auch zu umfassenden Fragestellungen nach ihren übergeordneten Systemen, wie zum Beispiel nach den gesellschaftlichen Anforderungen, die an ein Individuum gestellt werden, oder nach den Auswirkungen unseres Handelns auf nachfolgende Generationen.